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Eli Lilly Eli Lilly: Für ein paar Milliarden Dollar mehr
INSIDER Eli Lilly von hockeystick

09:45 Donnerstag, 15. Februar 2007

Der Pharmakonzern Lilly hat offenbar jahrelang potentiell tödliche Nebenwirkungen des Medikaments Zyprexa verharmlost, um die Milliardenumsätze mit dem Präparat nicht zu gefährden. Brisante interne Dokumente scheinen dies zu belegen. Um zu verhindern, dass diese im Rahmen eines Gerichtsverfahrens an die Öffentlichkeit gelangen, hat Lilly bislang in mehr als 28.000 Fällen außergerichtliche Entschädigungszahlungen von insgesamt 1,2 Milliarden Dollar geleistet. Die Katze ist dennoch aus dem Sack. BooCompany bietet ab sofort 5.506 Seiten belastende Original-Unterlagen zum Download an und gewährt so nie dagewesene Einblicke in die Abgründe des Pharmamarketings.


Die interne Auswertung von Studien durch Lilly hatte bereits 1999 ergeben, dass bei einem erheblichen Teil der Anwender von Zyprexa das Körpergewicht in einem zum Teil grotesken Ausmaß zunimmt. Weiterhin lag eine Studie vor, in der sich die Häufigkeit von Hyperglykämien (Überzuckerungen) unter Zyprexa mehr als verdreifacht hatte, und es gab zahlreiche Fallberichte, nach denen das Medikament Diabeteserkrankungen induziert. Aus Sorge um den Markterfolg von Zyprexa wurden diese Risiken von Lilly in der öffentlichen Darstellung systematisch herunterspielt. Aus den vorliegenden Unterlagen ist im Detail nachvollziehbar, wie die Pharmareferenten mit Hilfe sogenannter "Message Algorithms" darauf gedrillt wurden, mögliche bereits vorhandene Bedenken der Ärzte ohne Entgleisung der Gesichtszüge systematisch zu zerstreuen (No "Flinch Factor"). Unbedingt zu vermeiden galt es, Nebenwirkungen wie die Gewichtszunahme von sich aus anzusprechen (Don't introduce the issue!!!).

Das zweite Problem von Lilly im Zusammenhang mit Zyprexa ist die gezielte Vermarktung des Präparats für Indikationen, für die es nicht zugelassen war. Als Zielsegment identifiziert wurde beispielsweise "Martha", der von den Lilly-Marketingstrategen erdachte Prototyp einer betagten und leicht demenzkranken Witwe. Für das Marktsegment "Martha" erkannten die Strategen ein erhebliches Umsatzpotential. Da störte es dann auch kaum, dass Zyprexa gegen Demenz weder wirkt noch zugelassen ist, ja sogar gerade in dieser Altersgruppe zu besonders vielen Todesfällen führt. Ebenso wenig ließ man sich dadurch bremsen, dass dieses sogenannte "off-label marketing" ausdrücklich verboten ist. Eigens für Martha und weitere Patientenprofile, die ebensowenig im Wartezimmer psychiatrischer Praxen anzutreffen sind, wurde im Jahr 2000 die Vertriebsoffensive "Viva Zyprexa!" gestartet, die sich (für Psychopharmaka ungewöhnlich) an die Zielgruppe der Hausärzte richtet.

Der Name der Viva-Zyprexa-Kampagne lehnt sich offenbar an den Elvis-Titel "Viva Las Vegas!" an, der von den Lilly-Verantwortlichen zur Steigerung der Motivation der Pharmareferenten sogar mit einem neuen Text ausgestattet (pdf, S. 67) wurde. (Wem die Originalität dieser Idee entgangen sein sollte: Elvis starb als stark übergewichtiger, tablettenabhängiger Diabetiker im Alter von 42 Jahren.)

Nach Ansicht von Beobachtern gehören die Vorgänge rund um Zyprexa nicht nur wegen der hohen Opferzahl zu den schwerwiegendsten Pharma-Skandalen der vergangenen Jahrzehnte. Auf die Frage, ob es sich bei Zyprexa um das "nächste Vioxx" handeln könnte, zitierte der angesehene Epidemologie-Professor Curt Furberg einen mit solchen Fällen vertrauten Anwalt kürzlich mit den Worten: "This is worse than all else I have seen, there is no chance that the company can let this go to court, then everything is made public. They have to settle the case."

Auf verschlungenen Wegen ist Ende vergangenen Jahres trotz aller Geheimhaltungsbemühungen von Lilly ein umfangreiches Paket mit belastenden Dokumenten in die Hände eines Reporters der New York Times gelangt, der daraus im Dezember eine Serie von Titelgeschichten gemacht hat. Schlimmer noch, über das TOR-Netzwerk sind etwa zur gleichen Zeit Scans der Dokumente in die Weiten des Internets gesickert, zunächst in Form eines Pakets mit eher sperrigen TIFF-Dateien.

Als besonderen Service stellt BooCompany interessierten Lesern die Dokumente ab sofort im PDF-Format zur Verfügung. Erstmals liegt auch eine Textversion (.TXT) der Unterlagen vor, die für BooCompany von 631 chinesischen Datentypisten in 3.500 Arbeitsstunden abgeti aus den gescannten Dokumenten mittels automatischer Texterkennung erzeugt wurde. Die einzelnen PDF-Dateien befinden sich in diesem Verzeichnis, die TXT-Dateien sind in diesem Verzeichnisbaum untergebracht. Wer sich näher mit den Freuden des Pharmamarketings beschäftigen möchte oder wer dem Berufsstand des Pharmareferenten auch nur noch einen Funken Respekt entgegenbringt, dem sei der Download des komprimierten Gesamtpakets als ZIP-Datei (ca. 280 MB) angeraten. Wer schon auf anderen Wegen an die PDF-Dokumente gelangt ist, für den gibt es hier den eingepackten TXT-Verzeichnisbaum auch einzeln als ZIP-Datei (ca. 7,5 MB). Die Textversion erweist sich beim Stöbern in den Dokumenten im Zusammenspiel mit Programmen wie "Windows Desktop Search" oder "Google Desktop Search" als überaus hilfreich.

Eine Zusammenfassung der Hintergründe des Zyprexa-Skandals gibt es bei Strappato, aktuelle Entwicklungen zum Thema finden sich auf dem gleichen Blog unter diesem Link.





Kommentare: (Neuer Kommentar | Alle öffnen)
Unübertroffen wie immer... (hockeystick)
Re: (strappato)
Re: wie im leben (lanu)
Re: sorry (lanu)
Re: (strappato)
Re: oops (lanu)
Re: (hockeystick)
Re: jaha (lanu)
... aber die Pharmaindustrie gute Geschäfte ... (sempralon)
Slate.com ... (hockeystick)




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