Das Internet plus die Straße, die Zeitung, das Fernsehen - die Klowände der Werber. Überall sind sie, ihre Scheißgeschenke, auf die ästhetischere und ideologisch freiere Menschen gerne verzichteten.
"Sollte es neben der Freiheit, eine Meinung zu verbreiten, nicht auch die Freiheit geben, eine Meinung nicht verbreitet zu wissen?" heißt's jetzt. Ja, das ist die Freiheit zu SCHWEIGEN.
Jean-Remy von Matt hat sich dafür entschuldigt, dass er vor zirka zwei Wochen Weblogs als "Klowände des Internets" bezeichnete. Die Entschuldigung, in mehreren Blogs veröffentlicht, wurde in der Dialektik eines Werbetexters verfasst. Möglicherweise hat er einen Seniortexter mit dem Verfassen beauftragt und den Text beim Umsteigen vom Porsche in den den neuen Audi S8 mal schnell redigiert. Wie auch immer:
Wenn sich genialistische Menschen zuerst und ohne Not in die Defensive bringen, anschließend ihr Talent mit warm abgeduschten Entschuldigungen vergeuden müssen, dann trägt dies tragische Züge. Hinzu kommt, dass dieser Mann einen Mangel an Souveränität an den Tag legt, der den Cäsarenwahn nicht mehr nur streift. In seinem Entschuldigungstext redet sich der ausgefuchste Texter von Matt damit heraus, dass er die Bedeutung und Vernetztheit von Weblogs unterschätzt habe. Entschuldigung: entweder ist er nicht mehr auf der Höhe der Zeit, oder er versucht es selbst jetzt noch mit Bauernfängerei. Er, der pontifex maximus der Werbung, will die Bedeutung eines solchen Kanals nicht erkannnt haben .... ? Finger in den Mund, anfeuchten und ihn dann in die Luft halten: von wo weht denn bitte hier Wind?
Es kann ihm nicht entgangen sein, dass in den Blogs der Republik Meinungen und Erfahrungen ausgetauscht werden, die ihn schon aus beruflichen Gründen interessieren müssten - damit ist nicht die Einzelmeinung gemeint, sondern der Meinungsbildungsprozess selbst. Das soll an ihm geräuschlos vorüber gegangen sein?
Wer die Homepage der Agentur Jung von Matt besucht (www.jvm.de), wird auf der Startseite von einem hölzernen Pferd begrüßt. Leute mit Abitur wissen, dass es sich hierbei um das Trojanische Pferd handelt. Eingeweihte wissen darüber hinaus, was es mit diesem Pferd genauer auf sich hat. Die Agentur identifiziert sich in so weit mit diesem listigen Bauwerk, als sie ihre Kommunikations-Philosophie, so nenne ich es mal, mit der List und Wirkung dieses historischen Tricks in Übereinstimmung bringt. Die Botschaft des beworbenen Produkts sucht nicht auf brachialem Wege Zugang zum Hirn des Verbrauchers, sondern sie lässt sich von letzterem selbst in den Kopf hinein ziehen. Das Trojanische Prinzip. Applaus.
Betrachtet man den Kommentar des Werbemannes zu den Weblogs, gefolgt von seiner homöopathischen Entschuldigung, entsteht der Eindruck, dass er seine eigene Agentur-Philisophie missachtet, oder sie zumindest nicht beherzigt hat. Denn, Herr von Matt: Weblogs sind ein Trojanisches Pferd. Täglich schreiben und lesen Hunderttausende in den Blogs. Es geht darin auch um Werbung, um ihre Qualität und Sinnlosigkeit. Natürlich auch um gelungene Beispiele. Es geht um Produkte, um ihren Ruf und darum, warum man sie kauft, oder eben nicht. Nur weil dieses neue Kommunikations-Universum für Werbestrategen nicht messabr ist, macht es den Persil-, Audi-, Haribo- und Du-bist-Deutschland-Flüsterern soviel Angst. Dann nennt man sie eben kurzerhand "Klowände", basta. Aber "basta" ist over, roger?
Wer sich so rasch ein Urteil über die Inhalte anmaßt, fällt ohnehin auf die Nase, so viel gleich vorweg. Vielleicht sollte man generell davon Abstand nehmen, Weblogs in eine Mediennorm hinein drücken zu wollen, denn es geht nicht. Die Vielfalt der Arten ist zu groß, als dass man schon nach dreiwöchiger Blog-Safari ein Buch über Arten und Spezies dieses Kommunikationsdschungels verfassen könnte. Ich zähle mich selbst nicht zu den Kommentatoren der sogenannten "Blogsphäre"; es war nie mein Ehrgeiz, die Wirkung eines Wasserfalls in Litern zu berechnen. Was ich aber aus persönlichen Erfahrungen und der Besucherstatistik meines Weblogs sagen kann, ist dies: nie zuvor haben so schnell Einzelveröffentlichungen so viele Reaktionen generiert, wie mit dem Auftauchen von Weblogs. Nie zuvor konnte man so dezidiert klare Meinungstrends festhalten, wie auf den Kommentarseiten der Blogs. Und nie zuvor waren so viele sprachbegabte, intelligente und originelle Beiträge mühelos aufzufinden und zu konsumieren, wie heute - Dank der Weblogs. Niemand, der sich mit etwas Zeit in die Späre einklickt, kann bestreiten, dass es über dem Eichstrich von Teenie-Blogs und Juristinnenfrustkolumnen, Hausfrauenschicksalstundenseufzern und dem Gestammel eitler Printjournalisten im Karrieretrauma ausgezeichnete, ja, brillante Autoren gibt, denen in ihrem Sprachwitz, ihrem unbedingten, undresseierten Wortgenie so schnell keiner das Wasser reichen kann; auch die Texter führender Werbeagenturen nicht.
Ich kann verstehen, wenn einem Mann nach Jahren, fast Jahrzehnten, mechanischer Preisverleihungen das Interesse an neuen Entwicklungen abhanden kommt. Wenn man einfach satt ist, beim Lesen von Fachzeitschriften der eigenen Branche kotzt, wenn man sich nachts im Bett von der Trüffel- auf die Kaviarseite wälzt, und am nächsten Morgen den Hausarzt kommen lässt und sich über Schlafstörungen beklagt. Aber man kann sich von einem faux-pas nicht distanzieren, in dem man die Zitate-Mutter (wieder mal) bemüht, die da sagte: "Wer austeilt, muss auch einstecken können". Das ist zu billig. Wer in seiner Entschuldigung meint, dass die Meinungsfreiheit auch darin bestehen könne, auch einmal nichts zu sagen, und diesen Tip den Bloggern nahe legt, dem muss gesagt werden, dass er sich miit diesem Rat selbst der beste Arzt gewesen wäre. Nach dem Motto "Für den Herrn, der alles hat", ist die Meinungsabstinenz für einen vom Mattschen Kaliber eher angebracht, als für jene, die sich von dessen abgeschmackten Kommentaren provoziert fühlen.
Und zum Schluss noch einmal ein Hinweis auf den Takt der Zeit: man wird in diesem Lande der fetten Mandarine überdrüssig. Wir möchten ihre obzönen Rülpser nicht mehr hören. Die trojanischen Buffet-Pferde der Bundesrepublik hatten und haben Hafer satt. Sie sollten, und hier beziehe ich mich auf das Recht der freien Meinungsenthaltung, einfach mal den Mund halten, wenn andere ihr Recht auf Selbstverteidigung wahr nehmen. All das steckt auch im Bauch des Trojanischen Pferds. List ist ein Produkt der Weisheit, remember?
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